Wunderbare Besucher

Wunderbare Besucher

 

Im Scheinwerferlicht sah Kno eine Gestalt hinter das Haus laufen, war das Elli? Er parkte den Wagen mit laufendem Motor seitlich am Nebeneingang und stieg aus. “Elli? Elli bist Du das?“ Kno bekam langsam eine Gänsehaut. Das war nicht sein Ding und ein Held war er noch nie gewesen. Behutsam ging er ums Haus, als ihm plötzlich ein starkes Licht blendete. Jetzt fuhr ihm der Schreck in die Glieder und er riss die Arme nach oben. Dann hörte er Ellis Stimme: „ Gott sei Dank, Du bist da. Schau mal her. Der ist gerade gegen die Scheibe geflogen und nicht nur einmal. Es war als wollte er rein. Und dann ist er abgestürzt. Meinst Du er lebt noch?“ Kno stand fassungslos da: „ Wegen so einem Vieh musst Du mich so erschrecken? Ich fass´ es nicht.“
Elli hob das „Vieh“ auf und meinte, dass dies vielleicht ein junger Adler sei. Kno stand immer noch wie angewurzelt da und war fassungslos. „ Leg den da hin, vielleicht beißt er Dich wenn er wach wird.“ Elli lachte und bat Kno ihr zu helfen. Sie wollte den Adler oder was das auch immer war in den alten Hühnerstall bringen. Kno löste sich aus seiner „Todesstarre“ und wusste nicht wo er jetzt anpacken sollte. Irgendwie brachten sie dann den Absturzgeier, wie ihn Elli schnell taufte, aber doch in den Hühnerstall. Sie legte ihn in eine der verwaisten Hühnerboxen und schloss das Türchen. Er atmete und ab und zu machte er die Augen auf. „ Wir müssen einen Tierarzt anrufen, Kno! Kennst Du einen?“ Kno überlegte konnte sich aber nicht entsinnen. Kurzer Hand teilte Elli ihren Bruder zur Stallwache ein und ging ins Haus. Als sie an seinem Auto vorbeikam schüttelte sie nur den Kopf, machte den Motor und das Licht aus und zog den Schlüssel ab.
Im Internet hatte sie schnell einen Tierarzt gefunden und die Praxis sagte zu, dass noch jemand vorbeikommen würde. Elli brachte Kno ein Bier mit und sie aßen die Döner die Stall. Der Absturzgeier war mittlerweile wieder zu sich gekommen und saß in gebückter Haltung wie ein Sträfling in seinem neuen Zuhause, das eigentlich nur für Hühner gebaut war. Er schaute Elli und Kno mit stechend gelben Augen an und sah nicht sehr glücklich aus. Elli war immer noch der Meinung, dies müsse ein Adler sein, weil der so groß wäre. Kno schüttelte den Kopf, „bei uns gibt es keine Adler mehr und außerdem, ach was weiß ich.“ Kno war immer noch etwas angestrengt. Nun musste er im Stall bei diesem blöden Geier hocken, dabei hatte er sich so auf einen gemütlichen Abend gefreut. Er kaute gedankenverloren vor sich hin, als plötzlich ein lautes, quäckendes Hupgeräusch zu hören war. „ Das muss der Tierarzt sein“ meinte Elli und ging nach vorne.
Eine freundliche warme Stimme begrüßte Kno, der noch mit dem Bier in der Hand vor der Hühnerbox saß und darüber nachdachte, was er den ganzen Tag so alles geregelt hatte. Schnell drehte er sich um und verschüttete dabei das halbe Bier. „ Hallo, ich bin die Tierärztin, Mandy Steglönd. Deine Frau sagte mir, dass Du hier hinten Wache schieben würdest. Ach ja, die Krankenschwester ist auch gerade gekommen und wir sollen schon mal anfangen sagte Deine Frau.“ Kno war völlig von den Socken. Was, äh wer war das denn. Er fing an zu stottern und wusste nicht so richtig wohin mit seinen Händen: „Kno, ich bin Kno. Meine Frau, nein meine Schwester hat Dich angerufen. Ich habe gar keine Frau!“ Was für einen Blödsinn erzählte er da. Langsam stieg ihm die Schamröte ins Gesicht. Oh Gott, er hatte sich echt blamiert. Aber auf so einen Tierarzt war er ja nicht gefasst. Mandy Steglönd, hielt ihm immer noch die Hand hin und erst ihr kräftiger Händedruck holte ihn zurück ins Leben. „ Du bist wie die meisten Männer. Starren mich von oben bis unten an und trauen sich dann nicht den Mund aufzumachen. Soll ich mich auch noch umdrehen, dass Du mich auch von hinten sehen kannst oder reicht Dir die Vorderansicht?“ Kno platzte fast der Kopf weg. So also fühlte sich ein Hummer im kochenden Wasser. Sie lachte herzhaft los und klopfte ihm auf die Schulter. „Ich muss doch auch meinen Spaß haben und ich mag nun mal völlig entglittene Gesichtszüge. Schade, hätte ein Foto machen sollen. So und nun mal ernst. Ich wusste, dass sie so gucken würden. Nichts für ungut. Ich kenn´ das schon seit der Schulzeit und meine Oma hat mir das beigebracht. Im Übrigen schauen Frauen Männern auch nicht nur aufs Gesicht. - So nun schauen wir mal nach dem Patienten! Hilfst Du mir?“
Kno konnte so langsam wieder einen klaren Gedanken fassen und musste auch ein bisschen Grinsen. „Klar helf´ ich Dir, entschuldige bitte, aber darauf war ich ja nicht gefasst und auch vergiss es. Bevor ich mich jetzt noch weiter reinreite.“ Mandy lächelte und er tat ihr auch ein bisschen leid. Vielleicht hatte er es nicht verdient so eingefangen zu werden, zumal er ja sogar das Bier vor Schreck verschüttet hatte. Sie holte den Vogel aus dem Käfig und setzte ihn vorsichtig auf dem Spaltblock ab. Er war völlig ruhig und schaute die beiden interessiert an. Mandy untersuchte seine Flügel und tastete ihn ab. „ Sie ist an Menschen gewöhnt und scheint sich auch nichts getan zu haben. Der Ring an ihrem Fuß ist aber sehr ungewöhnlich. Das sieht aus wie kiryllisch oder so. Mandy versuchte den Ring näher zu begutachten, worauf der große Vogel loskreischte. „ Ich nehm´ ihn Dir schon nicht weg, aber vielleicht kann er uns weiterhelfen.“ Der Vogel begann sich zu wehren. Mandy zog eine Vitaminspritze auf und bat Kno den Vogel festzuhalten. Kno ließ sich zeigen wie er das machen sollte und wurde von Mandy für seine tapfere Haltung gelobt. Nachdem der Vogel gepickst war setzte sich Mandy auf eine der Kisten und sagte Kno er könne sie nun loslasse. „ Einfach so? Wieso eine SIE und was ist das für ein Vogel?“ Kno begann sich nun mehr für das Tier zu interessieren. „ Das ist ein pardischer Seeadler. Kommt sehr häufig in asiatisch maritimen Gegenden vor. Ist kleiner als ihre europäischen Verwandten, aber ernährt sich auch hauptsächlich von Fisch. Sie ist aber nicht in freier Natur aufgewachsen, sonst hätten wir sie nicht so untersuchen und spritzen können. Schau´ doch mal wie interessiert sie zuhört und uns anschaut. Ach, könnt auch bitte ein Bier haben? Ich komme gerade von einer Zwillingsgeburt. Stensman hat Nachwuchs bekommen, zwei kleine Hengstfohlen, ganz selten so was.“
Kno nickte bewundernd und trabte ohne Wort los. Als er zurückkam hielt Mandy die Adlerdame auf dem Arm, den sie mit einem alten Lappen umwickelt hatte. Sie sah aus wie das Bildnis einer stolzen Amazone mit ihrem Jagdfalken. „Oh, das Bier. Vielen Dank. Schau wir haben uns schon angefreundet. Ihr solltet sie wenn möglich ein paar Tage hier behalten. Ich werde dann ein bisschen nachforschen, wo der Vogel herkommen könnte.“ Kno stimmte zu und insbesondere freute ihn die Ankündigung, dass Mandy täglich nach ihrer Patientin schauen wollte.
„ Du musst einfach nur jeden Tag etwas frischen Fisch holen. Ich denke etwa ein Kilo wird reichen. Das Ganze verteilt auf 4 Mahlzeiten und ihr werdet die besten Freunde werden.“ Kno hörte Mandy aufmerksam zu und sie erzählte wie sie nach Öldsbroor gekommen war, wo sie studiert hatte und wie sehr sie diese einsame Gegend in ihre Menschen liebte. Sie hatte früher die Großmutter in die Ferien begleitet und war immer den ganzen Sommer hier gewesen. Ja hier wolle sie auch mal begraben werden. „ Dann musst Du aber aufhören die Männer so zu erschrecken, sonst wird Dich mal einer im grundlosen See ersäufen“, lachte Kno, der froh war endlich sein Lachen wieder gefunden zu haben.
Mandy blickte etwas ernster. „ Es tut mir echt leid. Ich war sehr angestrengt, wegen der Fohlengeburt und weil mich der Stallmeister und seine Burschen fast ausgezogen haben mit ihren geilen Blicken. Sorry, Du bist ein netter Kerl und vielleicht habe ich Dir wirklich unrecht getan, vielleicht.“ Kno sah ihr warmes Lächeln zurückkommen und war erleichtert um die neue Situation. Sie unterhielten sich noch sehr lange und ihre Blicke trafen sich immer öfter ohne ein peinliches Wegschauen.
Es war spät geworden und Elli schaute vergnügt in den Stall. „ Schaut mal, er ist weg!“ Beide blickten völlig verwirrt durch den Stall und ihre Blicke suchten den Vogel. Der saß aber immer noch auf dem Spaltblock und blickte verschlafen Richtung Tür. „ Der Verband und die Schiene! Sina hat gesagt, es würde auch ohne gehen. Wisst ihr eigentlich wie spät es ist?“ Kno lächelte Mandy an: „ Meine Mutter sagt, dass ich jetzt nicht mehr auf sein darf! Ich muss jetzt ins Haus!“ Mandy lachte, verabschiedete sich von den Beiden und warf Kno noch ein Augenzwinkern zu.