Nochmal gut gegangen

Nochmal gut gegangen

 

Elli kuschelte sich noch tiefer in ihre Decke und blickte aus dem Fenster über das Wasser. Ja, sie hatte mehr als Glück gehabt und wenn sie daran dachte, dass die zwei Holzarbeiter schwerstverletzt erst am nächsten Morgen aus dem völlig zerstörten Kranwagen befreit werden konnten. Aber auch sie waren auf dem Weg der Besserung und das ganze Dorf hatte mit innigster Anteilnahme die Familien der Opfer unterstützt. Der Oldie-Abend wurde abgesagt, weil noch niemand so richtig zum Feiern zumute war. Snert hatte sich von Elli verabschiedet und bedauerte es sehr, dass alles so gekommen war. Sie spürte, wie er an beim Abschied erst gar nicht ihre Hand loslassen wollte und irgendwas lag ihm auf der Zunge. Vielleicht hätte sie doch seine Einladung annehmen sollen, um ihm die Gelegenheit zu geben etwas mehr aus sich heraus zu kommen. Wenn er nur wenigstens mal einen über den Durst trinken würde wie Schnorre, das könnte helfen. Schnorre war ja auch gleich nachdem sie aus dem Krankenhaus zurück war bei ihr aufgetaucht und hatte ihr Blumen gebracht. Das war nachmittags und ohne viele Worte zu verlieren. Nachts gegen halb zwölf hatte er dann die nötige Drehzahl ihr quer übers Grundstück kund zu tun, wie sehr er sie doch liebte.

Kno war heute morgen zu einer Besprechung in die Stadt gefahren und wollte noch vor Dunkelheit zurück sein. Es war schon dämmerig als er anrief und fragte ob er noch etwas aus der Stadt mitbringen sollte. " Ja, ich habe unheimlich Lust auf einen Döner, extra scharf bitte und fahr bitte vorsichtig." Der Türke im See-Grill hatte wirklich die besten Döner weit und breit. Die verschiedenen Fleischskandale quer durchs Land hatten ihm nicht geschadet, da er sich seine Dönerspieße beim ortseigenen Schlachtermeister nach "Familienrezeptur" fertigen ließ. Zuerst war der Schlachter gar nicht begeistert, aber die Umsatzzahlen taten das Übrige.
Als Kno vor dem kleine Imbiss hielt, kam gerade Sina vorbei. " Na, wie geht´s unserem Glückpilz? Kann sie denn auch ruhig sitzen oder tobt sie schon wieder durch die Gegend? wollte Sina wissen. " Nein, ich denke sie war wohl wieder lange spazieren, wenn sie jetzt so einen mächtigen Dönerhunger hat" antwortete er und schaute Sina fragend an. "Warst Du denn heute noch nicht bei ihr? Ich dachte du wolltest den Verband wechseln?" Sina lachte, "ich komm´ doch nachher noch vorbei, keine Angst, ich vergess´ euch schon nicht!" Kno nickte und Sina beeilte sich noch bei grün über die Ampel zu kommen.
Ali Üschgürd Serfar, so hieß der Dönermeister, grinste mit breitem Schnauzbart als er Kno hereinkommen sah. "Hast Du auch noch Hunger, guckst Du, hab ich noch türkische Pizza, ganz frische´ oder willst Du Döner für schöne Fräulein, was krank ist?" Ali war eine Marke für sich. Obwohl er schon 15 Jahre in der Gegend war, konnte oder wollte er nicht seinen halb- türkischen Kauderwelsch ablegen. Aber genau das machte ihn so einzigartig. Seine Frau hatte ihm vor Jahren das Kopftuch vor die Füße geworfen und erklärt, dass sie jetzt auch ohne Kopftuch eine gute Muslima sein könne. Die Kinder waren ohnehin voll integriert und sprachen kaum mehr die eigentliche Muttersprache. Nachdem Ali nicht mehr in der Fischfabrik arbeiten konnte, hatte er sich dem allgemeinen Trend folgend selbstständig gemacht und verdiente mit seinen selbstgemachten Dönern ganz gut.
"Mach´ ich Dir einen Fräulein Elli Döner. Ist bestes Fleisch von Kalb, hat Schlachtermeister von Bauer aus Gröntje gekauft, weißt Du. Haben wir gestern sieben Spieße aus ganzem Kalb gebaut und mit Familienrezept, weißt Du. Ein bisschen Rakke haben wir auch getrunken, hab´ um elf erst aufgemacht" erzählte Ali mit einem Augenzwinkern. Kno ließ den Redeschwall über sich ergehen und bestellte für sich auch einen. "Bezahlst Du heute nur Deinen, Fräulein Elli sagst Du schönen Gruß, auch für meine Frau, weißt Du!" Kno bedankte sich herzlich, ein Widerspruch wäre zwecklos gewesen und hätte allerhöchstens zu diplomatischen Verwicklungen geführt.
Er machte sich auf den Weg und genoss den Duft der Döner, der sich langsam im Auto ausbreitete. Elli hatte schon die Einfahrtsbeleuchtung angemacht als er in die Zufahrt einbog. Das Haus lag im Dunkeln und nur an der geöffneten Haustür brannte Licht. Langsam fuhr er die Zufahrt hoch und ihn beschlich ein komisches Gefühl. Wo war Elli und wieso stand die Haustür soweit auf?