Ein Unglück kommt selten allein

Ein Unglück kommt selten allein

 

Kurz vor halb sechs suchte Elli noch den Schlüssel von Mister Elwood, dem kleinen Mini Copper, wie sie ihn nannte und pünklich um halb rollte sie die lange Hofeinfahrt hinunter. Der Weg zum Savanger war nicht allzu weit und sie fuhr die Strecke unheimlich gern, weil die Kurven so knackig waren. Mister Elwood war ein wirkliches Kurvenwunder und es machte Spaß mal so richtig Gas zu geben. Kurz vor Angwer-Hope musste sie in die Eisen gehen, die Holzarbeiter machten noch Überstunden. Sie blinzelte den Abhang hinunter, der untergehenden Sonne hinterher und freute sich auf den hoffentlich schönen Abend. Ein ohrenbetäubendes Krachen riss sie aus den Gedanken und mit weit aufgerissenen Augen sah sie die Stämme auf sich zukommen.

"Wir können im Augenblick nur hoffen" sagte der Oberarzt zu Kno und faßte ihn väterlich an der Schulter. Snertje nahm Kno in den Arm und sie setzten sich wieder auf die alte Couch im Wartebereich." Ich hatte mich so auf sie gefreut und jetzt muss ich mit an sehen, wie sie an den ganzen Schläuchen hängt und ..." Snertje versagte die Stimme.
Kno schaute mit tränendurchtränkten Augen in die Ferne. Sie wird es schaffen, sie war schon immer sehr stark und si wird es schaffen, da war er sich ganz sicher.
Gegen fünf kam die Nachtschwester und zupfte Kno am Arm, "sie ist wach geworden, komm mit rüber". Kno sprang auf und folgte Sina mit eiligem Schritt. Sina war mit ihm zur Schule gegangen und irgendwie war er ganz froh als gehört hatte, dass sie die Nachtwache haben würde. Sie hatte ihm noch eine Decke und einen warmen Tee gebracht und sie hatte sich noch etwas unterhalten. Auch Sina meinte, dass Elli sehr stark sei und er die Hoffnung nicht aufgeben sollte.
Als sie am Intensivraum angekommen waren, war der Oberarzt schon dabei das Beatmungsgerät zu entfernen. Elli würgte weisen Schleim hoch und bekam einen Hustenanfall. Sofort stieg der Blutdruck an und ihr Pulston begann zu rasen. "Alles ist gut" sagte der Oberarzt und streichelte ihre Stirn. "Wird gleich viel besser schöne Frau, Du hast aber wirklich Glück gehabt. Na ja, Dein Mister Elwood wird wohl nicht mehr aus dem Koma erwachen. Fünf Zentimeter weiter links und Du hättest den Holzsplitter in der Brust gehabt. Wer weiß was dann gewesen wäre!"
Elli lächelte als sie Kno und Sina sah. Sie wusste gar nicht was geschehen war. Ja, sie war Richtung Angwer-Hope gefahren und dann ... ja und dann? Sie wollte sich aufrichten, aber der Schmerz war zu groß. "Was ist passiert ?" fragte sie in die Runde und schaute an sich hinunter. Der ganze Arm war eingebunden und vorne schaute eine lilafarbene Schiene heraus. Sina bemerkte den verwunderten Blick und meinte nur, dass der Doc die Farbe ausgesucht hätte.
Nach und nach verstand sie was ihr die Erinnerung geraubt hatte und alle waren sich sicher wie viel Glück sie gehabt habe. Der gesamte Holzstapel war ins Rutschen gekommen, als die Holzarbeiter gerade das letzte Halteseil verzurren wollten. Sie hatten noch zum Mini Copper runter gewunken und gepfiffen als Elli kurz zu ihnen hinaufschaute. Alle 34 Stämme waren über den Hang gerutscht und hatten den Ladekran mit ins Tal gerissen. Zwei Holzarbeiter wurden noch vermisst und die Suche dauerte noch an.