Ein Morgen wie jeder andere

Ein Morgen wie jeder andere

 

Immer wenn der Wecker klingelt holt uns das pralle Leben ein. Alles, was im Traum stattgefunden hat, ist leider weg oder ist "Gott sei Dank" so nicht wirklich passiert. So auch an diesem Morgen als Knordje zuerst nicht wußte, was da los ist und dann aber froh war, in seinem Bett aufgewacht zu sein. Elli war schon in der Küche zugange und es roch nach Pfefferminztee und frischem Brot. Elli war seine einzige Schwester und 18 Jahre älter als er. Als ihre Eltern den tödlichen Unfall hatten, wurde sie auch noch zu seiner Mutter. Ihr Leben verlief sehr ruhig auf dem kleinen Hof und ans Heiraten hatte sie nie gedacht. Dann und wann machte ihr der alte Schnorre zum einhundertundsiebzehnten Mal einen Heiratsantrag, musste sich aber, nachdem er wieder nüchtern und schüchtern war, damit begnügen, sie nur anhimmeln zu dürfen. Elli war jedesmal außer sich, wenn Schnorre voll des Weines unter ihrem Fenster auftauchte und heulte wie ein Schlosshund. Sie sollte doch nun endlich seine Frau werden, er werde ihr alles zu Füßen legen und er würde sich im grundlosen See ersäufen, wenn sie ihn länger warten ließe.
Auch letzte Nacht hatte er wieder, nach vermutlich mehreren Schoppen Wein, mutig und randvoll seinen baldigen Freitod angekündigt und ließ sich nur durch ein: "Schlaf deinen Rausch aus und wir sprechen morgen darüber!" von Elli nach Hause schicken.
Knordje schüttelte sich und war froh, dass es nur ein Traum war und er nicht bei der Leichenschau am grundlosen See Schnorre identifizieren musste. Er ging vom Bad in die Küche hinunter, streichelte Elli über die roten Wangen und setzte sich an den Frühstückstisch.
"Vielleicht solltest Du doch mal mit Schnorre reden, wenn er nüchtern ist, meine ich."
Elli schaute ihn aus ihren freundlichen Augen lachend an und schüttelte nur den hübschen Lockenkopf. "Ach Kno, was soll ich mit meinen 29a, wie Du immer sagst , noch ans Heiraten denken. Mir geht´s doch gut. Wir haben alles was wir brauchen, fliegen im Sommer wieder nach Kanada und haben das schönste Haus der Welt. Außerdem, das meine ich jetzt wirklich ernst, will ich mich nicht mehr an irgendeinen anderen als Dich gewöhnen. Nein, heiraten will ich nicht mehr. Ich bin zu alt, zu selbstständig und zu egoistisch."
Kno schaute über seinen Tassenrand zu Elli hin und schüttelte nur den Kopf. Sie war mit ihren 29a noch ein ziemlicher Feger und nicht nur Schnorre war heiß auf sie. Naja, am Wochenende war ja wieder einmal Oldie-Party und seine Filialleiter wollten sich diese kleine Auflockerung für das Wochenendseminar auch nicht entgehen lasse. Snerte war schon im letzten Jahr kaum von ihrer Seite gewichen, als sie die Wanderung rund um den See mit allen Vertriebsleitern gemacht hatten. Auch Elli hatte ihn sehr nett gefunden, was schon sehr viel bedeutet. Nun war er aus dem Ausland zurück und hatte den Posten in Stentke angenommen. Kno konnte sich ein lautes Lachen knapp verkneifen, als er daran dachte, dass Snertje ja auch auf Schnorre treffen würde. Das wird hart, aber auch auf Oldie-Parties kommt es gelegentlich zu Hangreiflichkeiten.
Kno machte sich auf den Weg ins Tagungszentrum und Elli warf ihm noch einen Handkuß aus dem Wintergarten zu, indem sie seit einiger Zeit ihr Büro eingerichtet hatte. Sie könne dort viel besser nachdenken und schreiben, wenn sie auf die See schauen könnte, und Kno war damit einverstanden gewesen.
Sie schaute mit dem frischen Kaffee in der Hand auf die See und war in Gedanken schon bei ihrem letzten Kapitel in der Übersetzung. Noch zwei Monate und sie musste fertig sein, also erstmal in Ruhe Zeitung lesen.